Afrika - Kenia Tauchen
Kenias Küste bei Malindi: Sansibars stille Schwester und ein Tauchparadies vor der Haustür
Es gibt Momente, in denen ein Reiseziel alle Erwartungen sprengt – und die Küste rund um Malindi im Norden Kenias ist so ein Ort. Während die meisten Kenia-Reisenden an Safaris, staubige Pisten und die Große Migration der Serengeti denken, wartet an der Küste des Indischen Ozeans ein völlig anderes Land: türkisfarbenes Wasser, jahrhundertealte Swahili-Kultur, Mangrovenwälder voller Vögel – und eines der artenreichsten, am besten geschützten Korallenriffe Ostafrikas, direkt vor der Haustür.
Ankunft an der Vasco-da-Gama-Küste
Der kleine Flughafen von Malindi liegt nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt, und schon beim Landeanflug wird klar, warum diese Küste seit Jahrhunderten Seefahrer anzieht: Ein schmales, hellgrünes Riffband trennt das tiefblaue offene Meer von einer türkisen Lagune, dahinter ein Streifen Palmen, so weit das Auge reicht. Malindi selbst ist eine Stadt der Gegensätze – Fischerboote (Dhaus) mit ihren typischen Dreieckssegeln teilen sich den Horizont mit italienischen Beachclubs, denn Malindi gilt seit den 1980er-Jahren als beliebtes Ziel italienischer Urlauber und Auswanderer. Pizzerien, Gelaterien und italienische Sprachfetzen gehören hier ebenso zum Stadtbild wie Muezzin-Rufe und Suaheli-Marktgeschrei.
Wer die Altstadt erkundet, stößt schnell auf die berühmte Vasco-da-Gama-Säule, ein schlichtes Steinkreuz auf einer Landzunge südlich der Stadt. Der portugiesische Seefahrer errichtete es 1498 auf seiner Fahrt nach Indien – eines der ältesten europäischen Bauwerke an der ostafrikanischen Küste und ein stiller Zeuge dafür, wie früh Malindi bereits Teil des globalen Handelsnetzes zwischen Arabien, Indien und Afrika war. Jahrhunderte vor den ersten Europäern hatten hier bereits arabische und persische Händler Handelsposten errichtet; die Swahili-Kultur, die aus dieser Verschmelzung von Bantu-Bevölkerung, arabischen Händlern und später indischen und portugiesischen Einflüssen entstand, prägt bis heute Sprache, Architektur und Küche der gesamten Küste.
Zwischen Baobabs und Korallensteinhäusern
Ein Spaziergang durch die engen Gassen der Malindi-Altstadt fühlt sich an wie eine Zeitreise: schmale Korallenstein-Häuser mit kunstvoll geschnitzten Holztüren, kleine Moscheen, offene Werkstätten, in denen Handwerker Dhau-Modelle oder Kangas – die farbenfrohen Baumwolltücher der Küstenbevölkerung – herstellen. Nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt liegen die Ruinen von Gedi, eine im 13. Jahrhundert gegründete Swahili-Handelsstadt, die im 17. Jahrhundert aus bis heute nicht vollständig geklärten Gründen aufgegeben wurde. Umschlungen von den Wurzeln riesiger Feigenbäume, bewohnt von scheuen Kolobus-Affen und seltenen Sokoke-Tauben, gehört ein Besuch der Ruinen von Gedi – heute Nationalmonument mitten im dichten Küstenwald – zu den eindrücklichsten Ausflügen der gesamten Region.
Watamu: 30 Kilometer, die den Unterschied machen
Wer wirklich für das Meer nach Malindi kommt, sollte sich die halbe Autostunde zum benachbarten Watamu nicht entgehen lassen. Diese kleine, deutlich ruhigere Ortschaft ist heute DER Tauch- und Schnorchel-Hotspot der kenianischen Küste – und das aus gutem Grund: Der 1968 gegründete Watamu Marine National Park zählt zu den ältesten Meeresschutzgebieten Afrikas und schützt auf rund 32 Quadratkilometern eines der gesündesten Korallenriff-Ökosysteme im gesamten Indischen Ozean. Über 600 Fischarten wurden hier bereits dokumentiert, dazu zahlreiche Meeresschildkröten-Nistplätze – die UNESCO hat die weiter gefasste Region um Watamu als Biosphärenreservat anerkannt.
Abtauchen ins Watamu-Riff
Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Tauchgang am „Canyon Reef“, einem der rund 16 offiziellen Tauchplätze im Marine Park, die in Tiefen zwischen fünf und 45 Metern liegen und damit sowohl Anfängern als auch erfahrenen Tauchern etwas bieten. Kaum unter Wasser, öffnet sich eine Welt aus Korallengärten, Senken und schmalen Kanälen, durch die sich das Sonnenlicht in tanzenden Mustern bricht. Riesige Weichkorallenfächer wiegen sich in der Strömung, dazwischen patrouillieren Schwärme von Husarenfischen, Doktorfischen und leuchtend blauen Fahnenbarschen.
Am Nachbar-Spot „South Dolphin“ – ein flach beginnendes Plateau, das in Richtung Südosten stufenweise auf 25 Meter abfällt – warteten dann die eigentlichen Stars des Tages: Muränen, die neugierig aus ihren Verstecken lugten, ein Trupp Papageifische beim geräuschvollen Abweiden der Korallenblöcke, und, mit etwas Geduld, die für die Region typische, hier vergleichsweise häufig gesichtete Drachenmuräne mit ihren auffälligen, fast schon comichaft anmutenden Nasenfortsätzen. Wer Glück hat, begegnet zudem Adlerrochen, die elegant über den sandigen Grund gleiten, oder – vor allem zwischen Oktober und März, wenn die Sicht mit oft über 20 Metern am besten ist – sogar Walhaien und Mantarochen, die durch die nährstoffreichen Strömungen vor der Küste angezogen werden.
Ein Tipp aus eigener Erfahrung: Die Monate Juli und August sollte man für Tauchgänge eher meiden, da in dieser Zeit stärkerer Regen und Flussabfluss das Wasser deutlich trüber machen. Zwischen Dezember und März dagegen ist das Meer oft glasklar, die Wassertemperatur bewegt sich angenehm zwischen 26 und 29 Grad – kaum ein Grund, überhaupt einen Neoprenanzug mit Ärmeln zu tragen.
Wenn Delfine und Wale den Horizont teilen
Nicht nur unter Wasser lohnt sich der Blick aufs Meer. Vor Watamu und Malindi tummeln sich das ganze Jahr über Buckeldelfine und Große Tümmler, die sich häufig neugierig Booten nähern und mit etwas Glück sogar neben dem Rumpf mitschwimmen. Besonders eindrücklich wird es zwischen Juli und September, wenn Buckelwale auf ihrer Wanderung entlang der ostafrikanischen Küste hier Station machen – von einem Boot aus lassen sich ihre imposanten Fontänen und gelegentlichen Breaches beobachten, ein Naturschauspiel, das selbst erfahrene Taucher jedes Mal aufs Neue verstummen lässt.
Mida Creek: Stille zwischen den Mangroven
Wer nach so viel Meer eine ruhigere Seite der Küste sucht, findet sie im Mida Creek, einer weitläufigen Gezeitenlagune südlich von Watamu, gesäumt von einem der ausgedehntesten Mangrovenwälder Kenias. Ein hölzerner Steg führt tief hinein in das Labyrinth aus Wurzeln und schlammigen Wattflächen – ideal, um bei Sonnenuntergang Fischadler, Reiher und die charakteristischen, klappernden Rufe der Mangroven-Kingfisher zu beobachten, während das Licht das Wasser in Orange- und Rosatöne taucht. Eine geführte Bootstour durch die Kanäle, angeboten von lokalen Gemeindekooperativen, ist nicht nur ruhiger Kontrastpunkt zum trubeligen Tauchalltag, sondern unterstützt zugleich direkt die Erhaltung dieses fragilen Ökosystems, das als Kinderstube für einen Großteil der Fischpopulation des Riffs dient.
Kulinarisches zwischen Suaheli-Küche und Dolce Vita
Der italienische Einfluss macht sich auch beim Essen bemerkbar: Frische Pasta und hervorragende Pizza aus dem Steinofen stehen in Malindi selbstverständlich neben klassischer Suaheli-Küche auf der Karte. Unbedingt probieren sollte man Samaki wa Kupaka – in Kokosmilch und Gewürzen gegarten Fisch, meist mit Chapati oder Reis serviert – sowie frisch gegrillte Riesengarnelen direkt vom Boot. An den Straßenständen der Altstadt duftet es abends nach Mahamri, leicht süßem, in Kokosöl frittiertem Gebäck, das traditionell zum Frühstück oder als Nachmittagssnack mit süßem Chai serviert wird. Wer die Gastfreundschaft der Küstenbevölkerung erleben möchte, lässt sich Zeit: Ein Teller wird hier selten allein gegessen, und eine Einladung an den gemeinsamen Tisch ist keine Seltenheit.
Ein Küstenabschnitt, der noch nicht überlaufen ist
Was Malindi und Watamu im Vergleich zu bekannteren Tauchzielen wie den Malediven oder dem Roten Meer besonders macht, ist genau das: Trotz der offensichtlichen Schönheit des Riffs ist die Region touristisch bei Weitem nicht so überlaufen. Die Tauchbasen sind meist klein und familiär geführt, viele davon in Kooperation mit lokalen Meeresschutzprojekten, die sich unter anderem dem Schutz bedrohter Meeresschildkröten-Nistplätze widmen – ein Engagement, das man als Gast durch die Wahl des richtigen Anbieters aktiv unterstützen kann.
Am letzten Abend meiner Reise saß ich am Strand von Watamu, die Füße im noch warmen Sand, und beobachtete, wie die Fischerboote mit ihren Öllampen langsam zurück zum Ufer glitten, während sich der Himmel über dem Indischen Ozean in ein tiefes Orange färbte. In diesem Moment wurde mir klar: Kenia ist weit mehr als Safari und Savanne. Wer bereit ist, den Weg an die Küste zu finden, wird mit einer der eindrucksvollsten Unterwasserwelten Ostafrikas belohnt – und mit einer Gastfreundschaft, die noch lange nach der Rückkehr nachwirkt.
Reise-Infos auf einen Blick
Beste Reisezeit für Tauchen: Oktober bis März (klarste Sicht, ruhige See); Juli/August eher meiden (trübes Wasser durch Regenabfluss). Buckelwale am ehesten Juli bis September, Delfine ganzjährig.
Anreise: Direktflüge nach Malindi oder Mombasa (von dort ca. 2 Std. Fahrzeit nach Watamu), teils auch über Nairobi mit Weiterflug.
Tauchen: Zahlreiche PADI-zertifizierte Tauchbasen in Watamu und Malindi, Kurse für Einsteiger ebenso wie geführte Tauchgänge für Fortgeschrittene im Marine Park (Eintrittsgebühr für den Nationalpark fällt zusätzlich an).
Nicht verpassen: Ruinen von Gedi, Vasco-da-Gama-Säule, Bootstour durch Mida Creek, Sonnenuntergang am Watamu Beach.
Hinweis: Aktuelle Einreisebestimmungen (Kenia verlangt eine elektronische Einreisegenehmigung, das sogenannte Kenya Electronic Travel Authorization/eTA) sowie Gesundheits- und Sicherheitshinweise sollten vor Reiseantritt beim Auswärtigen Amt sowie auf der offiziellen kenianischen Einwanderungsseite geprüft werden.
FotoGalerie aus 1981
Die Bilder in der FotoGalerie sind aus unserer Reise aus dem Jahr 1981, also etwas für Nostalgiker.
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Author: Joe OnTour
Autor + Reise-Blogger



































































