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Russland – St. Petersburg

by Joe OnTour
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Russland – St. Petersburg

St. Petersburg: Eine Woche zwischen Zaren, Kanälen und weißen Nächten

Es gibt Städte, die man besucht, und es gibt Städte, die einen empfangen wie ein Theater kurz vor dem Vorhangaufgang. St. Petersburg gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Kaum aus dem Flugzeug oder Zug gestiegen, spürt man: Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Peter der Große wollte ein „Fenster nach Europa“ bauen – und er baute es mit einem Sinn für Theatralik, der bis heute jeden Besucher überwältigt.

Ankunft in einer Stadt aus Wasser und Gold

St. Petersburg liegt auf über vierzig Inseln, durchzogen von der Newa und unzähligen Kanälen. Schon vom Taxifenster aus fällt der erste Eindruck: breite Prachtstraßen, pastellfarbene Fassaden in Ocker, Türkis und Zartrosa, dazwischen goldene Kuppeln, die selbst an einem bewölkten Tag zu leuchten scheinen. Man merkt sofort, dass diese Stadt nicht organisch gewachsen ist wie viele europäische Metropolen, sondern am Reißbrett entworfen wurde – von italienischen, französischen und deutschen Architekten, die im Auftrag der Zaren ein Ebenbild von Amsterdam, Venedig und Paris zugleich schaffen sollten. Das Ergebnis ist einzigartig: eine Stadt, die europäisch wirkt und doch unverkennbar russisch bleibt.

Unser Hotel lag unweit des Newski-Prospekts, der Hauptschlagader der Stadt. Schon der erste Spaziergang am Abend zeigte, warum dieser Boulevard seit fast 300 Jahren das pulsierende Zentrum St. Petersburgs ist. Straßenmusiker spielten klassische Melodien vor der Kulisse beleuchteter Barockfassaden, Touristen und Einheimische schlenderten gemeinsam an Buchhandlungen, Cafés und Kirchenportalen vorbei, und über allem lag dieses spezielle Licht der nördlichen Breiten, das selbst am späten Abend nicht ganz verschwinden wollte.

Die Eremitage: Ein Museum, das man nicht an einem Tag begreifen kann

Kein Bericht über St. Petersburg kommt ohne die Eremitage aus – und doch wird man ihr in wenigen Absätzen kaum gerecht. Der Winterpalast, einst Residenz der russischen Zaren, beherbergt heute eine der größten Kunstsammlungen der Welt. Über drei Millionen Exponate verteilen sich auf mehr als 1.500 Räume, und wer versucht, alles zu sehen, verlässt das Gebäude meist erschöpfter, als er es betreten hat.

Wir entschieden uns für eine Strategie, die sich bewährt hat: nicht alles sehen wollen, sondern bewusst auswählen. Der Jordantreppe folgte ich hinauf in die state rooms, wo Kronleuchter und vergoldete Stuckdecken einen fast schwindelerregenden Eindruck von imperialem Prunk vermitteln. Der Thronsaal mit seinem monumentalen Wappen, der Malachitsaal mit seinen grünen Halbedelstein-Säulen, die endlosen Gemäldegalerien mit Werken von Rembrandt, Rubens, Tizian und da Vinci – jeder Raum ist für sich ein Ausstellungsstück.

Besonders berührt hat uns der Raum mit den beiden Leonardo-da-Vinci-Gemälden, die „Madonna Litta“ und die „Madonna Benois“. Vor diesen Bildern, in einem Land, das so oft mit Härte und Distanz assoziiert wird, stehen Menschen aus aller Welt in respektvoller Stille. Es sind Momente wie diese, in denen sich zeigt, wie sehr Kunst Grenzen überwindet, auch wenn die politische Realität draußen eine andere Sprache spricht.

Ein Tipp aus eigener Erfahrung: Wer die Menschenmassen meiden möchte, sollte gleich zur Öffnung um 10 Uhr kommen oder – noch besser – ein Online-Ticket im Voraus buchen. Die Warteschlangen vor dem Palastplatz können sich sonst über Stunden ziehen, besonders in den Sommermonaten.

Der Palastplatz und die Alexandersäule

Direkt vor der Eremitage öffnet sich der Palastplatz, einer der eindrucksvollsten städtischen Räume, die wir je gesehen haben. In seiner Mitte erhebt sich die Alexandersäule, ein monolithischer Granitblock von fast 26 Metern Höhe, der – bemerkenswerterweise – allein durch sein Eigengewicht steht, ohne im Boden verankert zu sein. Errichtet wurde sie zum Gedenken an den Sieg über Napoleon. Wenn man an einem klaren Abend hier steht, umgeben vom halbkreisförmigen Generalstabsgebäude auf der einen und der monumentalen Fassade des Winterpalastes auf der anderen Seite, versteht man, warum dieser Platz Schauplatz so vieler entscheidender Momente der russischen Geschichte war – von der Erstürmung 1917 bis zu den Militärparaden der Gegenwart.

Kanäle, Brücken und der Charme des „Venedigs des Nordens“

St. Petersburg wird gerne mit Venedig oder Amsterdam verglichen, und tatsächlich ist die Zahl der Kanäle und Brücken beeindruckend – über 300 Brücken durchziehen die Stadt, manche schlicht, manche mit vergoldeten Greifen und Löwen geschmückt. Eine Bootstour auf der Moika und dem Griboedov-Kanal gehörte für mich zu den entspanntesten Programmpunkten der Reise. Man gleitet vorbei an Hinterhoffassaden, die vom Wasser aus ganz anders wirken als von der Straße, unter niedrigen Brücken hindurch, an denen manchmal nur wenige Zentimeter Luft nach oben bleiben, und bekommt einen Blick auf die Stadt, der den Touristenmassen des Newski-Prospekts entgeht.

Besonders eindrucksvoll ist die Fahrt vorbei an der Erlöserkirche auf dem verklärten Blut (russisch: Spas na Krowi), einer Kirche, die mit ihren bunten Zwiebeltürmen fast schon fremd wirkt in dieser sonst so europäisch geprägten Stadt. Sie erinnert bewusst an die Basilius-Kathedrale in Moskau und wurde an der Stelle errichtet, an der Zar Alexander II. 1881 einem Attentat zum Opfer fiel. Das Innere ist vollständig mit Mosaiken bedeckt – über 7.000 Quadratmeter, mehr als in jeder anderen Kirche Europas. Wer hier eintritt, sollte sich Zeit nehmen; der erste Eindruck ist fast überwältigend.

Peterhof: Der Versailles des Nordens

Ein Tagesausflug, den wir unbedingt empfehlen möchten, führt nach Peterhof, etwa 30 Kilometer westlich der Stadt am Finnischen Meerbusen gelegen. Peter der Große ließ hier einen Palastkomplex errichten, der bewusst mit Versailles konkurrieren sollte – und in mancher Hinsicht übertrifft er sein französisches Vorbild sogar.

Die berühmte Große Kaskade vor dem Großen Palast ist ein wahres Wunderwerk der Wasserbaukunst: über 60 Fontänen und mehr als 200 vergoldete Statuen, Reliefs und Ornamente, angeordnet auf mehreren Terrassen, die zum Meer hinabführen. Das Bemerkenswerte daran: Die gesamte Anlage funktioniert ohne Pumpen, allein durch natürliches Gefälle – ein technisches Meisterwerk aus dem 18. Jahrhundert, das noch heute funktioniert.

Wir erreichten Peterhof mit dem Tragflügelboot, das vom Anleger direkt hinter der Eremitage ablegt. Die etwa vierzigminütige Fahrt über den Finnischen Meerbusen ist bereits ein Erlebnis für sich, und die Ankunft direkt am Kanal, der zum Palast hinaufführt, verschafft einen der spektakulärsten ersten Eindrücke, die eine europäische Schlossanlage zu bieten hat.

Die weitläufigen Parkanlagen laden zum Verweilen ein. Zwischen jahrhundertealten Bäumen verstecken sich kleinere Pavillons und Lustschlösser, etwa der Marly-Palast oder das Eremitage-Pavillon, ein charmantes kleines Gebäude, in dem einst ein mechanischer Aufzugstisch die Speisen servierte, damit die Bediensteten den privaten Gesprächen der Zarenfamilie nicht lauschen konnten.

Zwischen Zarskoje Selo und dem Bernsteinzimmer

Ein zweiter lohnender Ausflug führt nach Zarskoje Selo, dem „Zarendorf“, mit dem Katharinenpalast als Herzstück. Die hellblau-weiß-goldene Fassade zieht sich über eine Länge von rund 300 Metern und ist von der Straße aus kaum in Gänze zu erfassen. Berühmtheit erlangte der Palast vor allem durch das Bernsteinzimmer – ein aus Bernstein gefertigtes Raumensemble, das im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen geraubt wurde und bis heute als verschollen gilt. Was Besucher heute bewundern können, ist eine aufwendige Rekonstruktion, die russische Handwerker über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg mühevoll nachgebildet haben. Der Glanz des honigfarbenen Bernsteins im Kerzenlicht – elektrisches Licht ist aus Konservierungsgründen gedimmt – erzeugt eine fast mystische Atmosphäre, die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.

Die Peter-und-Paul-Festung: Geburtsort der Stadt

Auf der Hasen-Insel in der Newa gelegen, war die Peter-und-Paul-Festung der Ausgangspunkt der Stadtgründung im Jahr 1703. Heute dient die goldene, schlanke Turmspitze der Peter-und-Paul-Kathedrale als eines der Wahrzeichen der Skyline. Im Inneren der Kathedrale liegen die meisten russischen Zaren und Zarinnen begraben, darunter auch die sterblichen Überreste von Nikolaus II. und seiner Familie, die 1998 hier feierlich beigesetzt wurden – ein bewegender historischer Schlusspunkt unter das tragische Ende der Romanow-Dynastie.

Ein kleiner, aber unterhaltsamer Brauch: Mittags um 12 Uhr wird von der Festungsmauer aus ein Kanonenschuss abgefeuert, eine Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und ursprünglich dazu diente, der Bevölkerung die genaue Uhrzeit mitzuteilen. Wer zufällig in der Nähe ist, sollte auf den lauten Knall vorbereitet sein.

Weiße Nächte: Wenn die Stadt nicht schlafen will

Wer St. Petersburg zwischen Ende Mai und Anfang Juli besucht, erlebt das Phänomen der „weißen Nächte“ – aufgrund der nördlichen Lage der Stadt sinkt die Sonne in dieser Zeit nie vollständig unter den Horizont. Es wird nie wirklich dunkel, nur ein sanftes Dämmerlicht liegt über den Kanälen, während sich die Menschen bis in die frühen Morgenstunden auf den Straßen und Brücken tummeln.

Ein Höhepunkt dieser Jahreszeit ist das nächtliche Öffnen der Zugbrücken über die Newa, das man am besten von einer der Uferpromenaden aus beobachtet. Gegen ein bis zwei Uhr nachts heben sich die massiven Brückenteile langsam in die Höhe, um großen Schiffen die Durchfahrt in Richtung Ostsee zu ermöglichen. Hunderte Schaulustige versammeln sich an den Ufern, manche mit Sekt in der Hand, um dieses nächtliche Schauspiel mitzuerleben – untermalt vom Blick auf die beleuchteten Fassaden des Winterpalastes, die sich im ruhigen Wasser der Newa spiegeln.

Kulinarisches: Zwischen Borschtsch und Blini

Die russische Küche hat einen zu Unrecht bescheidenen Ruf im Westen. In St. Petersburg lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Klassiker wie Borschtsch, die rote Rote-Bete-Suppe mit Sauerrahm, oder Pelmeni, kleine gefüllte Teigtaschen, gehören ebenso zum kulinarischen Repertoire wie Blini, dünne Pfannkuchen, die traditionell mit Kaviar, saurer Sahne oder Marmelade serviert werden.

Besonders empfehlenswert ist ein Besuch in einem der traditionellen „Stolowaja“-Restaurants – einfache Selbstbedienungslokale im Stil der Sowjetzeit, in denen man für wenig Geld hausgemachte russische Küche probieren kann, weit entfernt vom touristischen Trubel. Für ein gehobeneres Erlebnis lohnt sich ein Abend in einem der historischen Restaurants nahe dem Newski-Prospekt, wo klassische Gerichte in stilvollem Ambiente serviert werden, oft begleitet von Live-Musik.

Nicht zu vergessen: der Wodka. In St. Petersburg wird er traditionell eiskalt in kleinen Gläsern serviert, begleitet von eingelegtem Gemüse, Hering oder Schwarzbrot mit Butter – eine Kombination, die sich überraschend gut ergänzt und einen kleinen Einblick in die russische Trink- und Esskultur gibt.

Der Newski-Prospekt bei Nacht

Zum Abschluss unseres Aufenthalts kehrten wir noch einmal auf den Newski-Prospekt zurück, dieses Mal bei Nacht. Die Straße, tagsüber geschäftig und von Verkehr durchzogen, verwandelt sich nach Einbruch der Dämmerung in eine Bühne aus Licht. Die Kasaner Kathedrale mit ihrer halbkreisförmigen Kolonnade, inspiriert vom Petersdom in Rom, erstrahlt in warmem Scheinwerferlicht. Straßenkünstler und Musikensembles spielen an fast jeder Ecke, und die Cafés füllen sich mit Menschen, die den Tag ausklingen lassen.

Ein Fazit

St. Petersburg ist eine Stadt der Superlative – die größte Kunstsammlung, die prächtigsten Paläste, die aufwendigsten Kirchen. Doch was die Stadt wirklich unvergesslich macht, ist nicht allein ihre imperiale Pracht, sondern der Kontrast, der sich überall zeigt: zwischen europäischer Eleganz und russischer Seele, zwischen tragischer Geschichte und ungebrochener Lebensfreude, zwischen strengem Winter und den schwerelosen weißen Nächten des Sommers.

Wer St. Petersburg besucht, sollte sich Zeit nehmen – mindestens vier bis fünf Tage, um der Stadt gerecht zu werden. Wer weniger Zeit hat, wird dennoch mit Eindrücken zurückkehren, die lange nachwirken. Denn diese Stadt am Rande Europas hat die seltene Gabe, gleichzeitig fremd und vertraut zu wirken – ein Fenster nach Europa, wie Peter der Große es wollte, und zugleich ein Ort mit einer ganz eigenen, unverwechselbaren Identität.


Praktische Hinweise: Für die Einreise nach Russland benötigen deutsche, österreichische und Schweizer Staatsangehörige ein Visum. Aktuelle Bestimmungen zu Reisebeschränkungen, Visapflicht und Sicherheitslage sollten vor Reiseantritt unbedingt bei den zuständigen Behörden bzw. dem Auswärtigen Amt geprüft werden, da sich diese kurzfristig ändern können.

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Joe OnTour
Author: Joe OnTour

Autor + Reise-Blogger

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